Das Bild zeigt einen roten Bus

Mit den Rundümwieserinnen unterwegs

1986 gründeten Landfrauen den Verein „Rundümwieser“ mit dem Ziel, historisches Wissen über die Region Vier- und Marschlande zu erhalten und weiterzugeben. Der Verein ist präsent auf entsprechenden Festivitäten, z. B. Museumsfesten, bietet aber auch Interessierten Führungen und  Touren an.

Das Bild zeigt einen rosafarbenen Oldtimer-BusSeit einigen Jahren gehört eine etwa 90 minütige Tour in einem Oldtimerbus zum Programm. Dieses Angebot wurde in Kooperation mit den „Verkehrsbetrieben Hamburg Holstein“ (VHH) entwickelt. Von Mai bis September zuckeln entweder ein Magirus Deutz „Saturn II“, Baujahr 1962, ein Büssing „Präsident 14“, Baujahr 1964, oder ein Daimler Benz „0 305“, Baujahr 1984, sonntagnachmittags gemächlich durch die Lande. Die gemütliche Überlandfahrt wird begleitet von einer Rundümwieserin, die kompetent und launig ihr fundiertes Wissen zum Besten gibt.

Der Bus fährt ab ZOB Bergedorf auf den Strecken, die von verschiedenen Linien des HVV bedient werden. Wer also unterwegs eine Entdeckung macht, die sie oder er gern näher in Augenschein nehmen möchte, kann das Museum, die Windmühle, das Café, oder was immer das Interesse geweckt hat, problemlos mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichen. Den Fahrgästen bietet sich ein toller Blick auf die Elbe, denn die Route führt mehrere Kilometer direkt am Fluss entlang, vorbei am südlichsten Punkt Hamburgs, dem Zollenspieker.

Die Touren laufen so gut, dass die Karten bereits Monate im Vorfeld gekauft werden sollten. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, für ein Gruppen-Event die Landfrauen nebst einem Oldtimer komplett zu buchen. Angeboten werden Führungen oder Bustouren auch in plattdeutscher, englischer und niederländischer Sprache.

Los gehts

Das Bild zeigt Kühe auf einer Wiese unter BäumenDie Plakate an den Fensterscheiben des Busses sind ihrer Zeit voraus: Schon Anfang September wird der Winter-Dom beworben. Jedoch nur scheinbar recht frühzeitig, denn gemeint war der des  Jahres 1984. Das Jahr, in dem der rote Daimler produziert wurde, der die Fahrgäste an einem sonnigen September-Sonntagnachmittag durch die Vier- und Marschlande kutschiert. Schalten muss Busfahrer Jan per Hand, denn es ist einer der letzten Busse mit Schaltbetrieb, die überhaupt noch gebaut wurden. 812.000 km hat das Gefährt auf dem Buckel, die meisten davon als Linienbus in und um Hamburg herum. Servolenkung hat der alte Daimler schon, trotzdem muss der Busfahrer ganz schön kurbeln, um in die teilweise sehr engen Gassen einbiegen zu können.

Bereits kurz nach der Abfahrt, noch in Bergedorf, wird deutlich, dass die 10€ für die Fahrkarte eine lohnenswerte Investition sind. Tour-Guide Rundümwieserin Antje weist auf die historische Bedeutung Das Bild zeigt Hopfen, Malz und Bier in Einmachgläsern im Regal im Museumdes alten Bergedorfer Bahnhopfs hin. Die Bahnlinie war eine der ältesten Bahnstrecken Norddeutschlands, 1842 in Betrieb genommen. Der ehemalige Bahnhof ist noch erhalten, wurde aber schon vier Jahr nach seinem Bau außer Betrieb genommen und als Wohnhaus genutzt, da die Strecke verlegt wurde. Diese wird heute indes nur noch von der Dampflok „Karoline“ genutzt.

Im 12. Jahrhundert wurde das Gebiet trocken gelegt. Ab dem 17. Jahrhundert wurde primär Hopfen und Gerste für die Hamburger Brauereien angebaut, seit 1693 die als „Vierländer Praline“ bekannt gewordenen Erdbeeren. Die waren so berühmt, erzählt Rundümwieserin Antje, dass Kaiser Wilhelm sich die „Vierländer Praline“ anliefern ließ, wenn er die Kieler Woche besuchte. Noch heute wird im Museum „Rieck Haus“ jedes Jahr im Juni das Erdbeerfest gefeiert.

Das Bild zeigt den Außenbereich des Museums Rieck Haus; zu sehen sind eine Wassermühle und ein reetgedecktes HausDie Felder wurden früher so angelegt, dass sie in der Mitte höher lagen, damit das Wasser abfließen konnte. Dafür sorgten auch mehr als 100 Entwässerungsmühlen. Eine solche ist im Hof des „Rieck Hauses“ zu besichtigen.

Die alten Bauernhäuser, häufig mit Reetdach, sind hübsch anzusehen. Fast alle haben auffallend kleine Butzenfenster. Das liegt daran, dass früher Fenstersteuer gezahlt werden musste.

Die Rundümwieserinnen haben viel zu erzählen über ihre Heimat, Ernsthaftes, Lustiges, Interessantes, Wissenswertes, z. B. dass die 15 Stationen der Freiwilligen Feuerwehr gewährleisten, dass im Fall des Falles binnen sechs Minuten ein Löschzug am Brandort ist.

Das Bild zeigt einen Jäger-Hochsitz unter BäumenSie berichten auch über Erstaunliches: Z. B. über den Blutegelhandel, der von 18 – 1900 so manchem Bauern in der Region Wohlstand bescherte. Zunächst wurden junge Mädchen mit nackten Beinen in die Teiche geschickt, damit die Blutegel sich daran festsaugen konnten. Diese wurden dann von den Beinen abgepflückt. Weil die Nachfrage rasch so groß wurde, dass der heimische Markt sie nicht mehr bedienen konnte, wurden die Blutegel kurzerhand importiert. Per Pferdekarren, die sechs Wochen lang unterwegs waren, wurden sie aus Russland herbei geschafft, 200 – 500.000 Tiere pro Wagenladung. Im Jahr 1845 kamen so knapp 4 Mio. der kleinen Saugnäpfe in die Region, die in Schlamm und Moos aufbewahrt wurden. Importiert aus Russland, aber auch aus Holland, Frankreich, England oder Belgien. Eingesetzt wurden die Tierchen zum Aderlass, eine der ältesten medizinischen Heilmethode, die damals ihre Hochzeit hatte. Die inzwischen allerdings aus der medizinischen Praxis verschwunden ist, weil ihre Wirkung nicht nachgewiesen werden konnte, nur in der Homöopathie wird die Blutegelbehandlung wieder praktiziert. Festgestellt wurden indes schwere Nebenwirkungen; u.a. Schwellungen, die Juckreiz mit sich bringen und in Folge dessen auftretende Entzündungen. Jede Bisswunde führt zu einem kleinen Aderlass, etwa 8-10 ml Blut gehen dabei verloren. Durch die im Speichel der Blutegel vorhandenen gerinnungshemmenden Substanzen kann es zu Nachblutungen kommen, die bis zu 24 Stunden dauern können. Das lässt ahnen, was den Mädchen damals zugemutet wurde.

Die Zeiten ändern sich

Das Bild zeigt eine Uhr und eine schwarze Tafel mit der Aufschrift keep calm and drink coffeeNoch vor wenigen Jahrzehnten wurde das Bild vor allem von Gewächshäusern geprägt, unterdessen gibt es viele Neubaugebiete, dort wo früher Getreide, Gemüse oder Blumen, insbesondere Rosen, angebaut wurden. Noch vor 30 Jahren wurde hier jede 3. Rose gezüchtet, die in Deutschland verkauft wurde. Mittlerweile stammt nur noch jede 5. in Deutschland gezüchtete Rose aus dieser Region, die heimische Zucht wurde größtenteils durch Importe aus Afrika oder Südamerika verdrängt.

Damit einher ging das veränderte Bild, das sich heute bietet. Zu den veränderten Produktionsbedingungen, bzw. eingeschränkteren Absatzmärkten, kommt hinzu, dass viele junge Leute lieber einen besser bezahlten Schreibtischjob mit geregelten Arbeitszeiten in der Stadt ausüben, als mühselig Landwirtschaft zu betreiben. Die Folge sind die Neubaugebiete, die ihrerseits die Gewächshäuser verdrängten, bzw. ersetzten.

Die Bauern, die ihre Höfe weiter bewirtschaften wollten, aber von den Erträgen nicht mehr leben konnten, wurden so unter Zugzwang gesetzt, sich Alternativen zum Ackerbau zu überlegen. Das Ergebnis sind Erlebnishöfe, z. B. mit Springreiten oder anderen Sportmöglichkeiten, Campingplätze, Schrebergärten oder ein familienfreundlicher Swinggolfplatz mit Dielencafé.

Auch die düsteren Kapitel der Geschichte der Region werden auf der Tour nicht ausgelassen, etwa die der Abelke Bleken, die am 18. März 1583 als Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Auch erinnern die Rundümwieserinnen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme an das wohl düsterste Kapitel Das Bild zeigt ein kleines rundes Haus mit Reetdach, eine Hecke und Bäumeder Menschheitsgeschichte.

Alles in allem ist die Tour interessant und größtenteils unterhaltsam. Die Rundumwieserinnen bieten historische Erläuterungen gespickt mit lustigen Anekdoten, mitunter auf Plattdeutsch. Z. B. die des kleinen Göpelhauses in Curslack, das kreisrund gebaut wurde, damit es keine Ecken hat. Warum? Das lassen Sie sich am besten von einer Rundumwieserin bei einer Tour mit dem Oldtimerbus erklären.

Barrierefreiheit:

Die Vehikel sind gut erhalten, aber eben Oldtimer, d.h., aus einer Zeit, in der sich über Barrierefreiheit noch niemand Gedanken machte. Um in den Bus zu kommen, müssen drei Stufen erklommen werden. Es gibt keine Vorrichtung, die Menschen mit eingeschränkter Bewegungsmobilität den Einstieg erleichtern können. Ein Rollstuhl würde auch nicht in den Gang des Busses passen. Menschen mit eingeschränkkter Sehfähigkeit können zwar den Erläuterungen der begleitenden Rundumwieserin folgen, zusätzlich Bildbeschreibungen gibt es indes nicht. Das wäre in der Zeit auch nicht machbar. Zwar nutzt die Reiseleiterin ein Mikrophon, Passagiere mit eingeschränkter Hörfähigkeit könnten trotzdem Schwierigkeiten haben, je nach Lautstärkepegel im Bus.

Eine Toilette ist nicht an Bord und unterwegs gibt es auch keine öffentliche Toilette, die angefahren werden könnte.

Text und Fotos: Birgit Gärtner

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